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Dokumentation: Kolonialkundgebung im Paulussaal

Freiburger Tagespost vom 28.11.1932, Nr. 277

"Eine eindrucksvolle Kolonialkundgebung. Am vergangenen Freitag fand im Paulussaale eine Kundgebung der Abteilung Oberbaden der Deutschen Kolonialgesellschaft statt. Oberstleutnant Knecht begrüßte die Anwesenden. Nach einigen einleitenden Worten des Leiters der Veranstaltung und einem Gedichtvortrag eines jungen ‚Afrikaners’, Helmuth Kaiser, der in die Mahnung ausklang: Deutsches Volk, vergiß die Kolonien nicht!, sprach der ehemalige Gouverneur von Kamerun und Deutschsüdwest, Exz. Dr. Seitz, über die Bedeutung von Kolonien für ein Volk überhaupt und für uns heute im besonderen. Es war außerordentlich interessant, einmal eine so sachliche und klare Formulierung der Bestrebungen der deutschen Kolonialgesellschaft zu hören, zumal man bei uns in der Südwestecke des Reiches für diese so vitale deutsche Frage oft wenig Verständnis findet.

Dr. Seitz behandelte das deutsche Streben nach Kolonien von der wirtschaftlichen Seite aus. Er zeigte, wie die Wirtschaftsentwicklung der Vorkriegszeit bei uns, aber auch bei den anderen Staaten und sogar in den Kolonialgebieten dahin geführt habe, daß eine Raumverteilung Platz gegriffen habe, die weder gerecht noch zweckmäßig sei. Vor allem habe man bei uns geglaubt, die Probleme durch eine starke Industrialisierung lösen zu können. So habe man durch Ausfuhr von Waren die Auswanderung von Menschen unterbinden wollen. Dieser Weg habe sich als falsch erwiesen, und er müsse jetzt wieder zurückgegangen werden. Wenn man aber heute daran denken müsse, einen großen Teil der etwa 20 Millionen überschüssigen Menschen, die in Deutschland durch die Folgen des verlorenen Krieges zusammengepfercht wohnen, nach außen abzugeben, so dürfe das nur so geschehen, daß dieser wertvolle Teil der deutschen Volkskraft dem Vaterlande nicht verloren gehe. Dies Ziel sei aber nur durch den Wiedererwerb deutscher Kolonien möglich. Ueberall im Auslande setzt sich die Erkenntnis allmählich durch, daß man Deutschland wieder Kolonien geben müsse, und dort marschiere der Gedanke, man muß schon sagen, leider besser, als selbst bei uns in Deutschland. Deshalb will sich die Deutsche Kolonialgesellschaft jetzt mit einer besonders aktiven Werbetätigkeit für den kolonialen Gedanken einsetzen. Denn es handle sich hier nicht um expansive Machtpolitik oder sentimentale Erinnerungen an eine große Vergangenheit, sondern um eine Lebensnotwendigkeit des deutschen Volkes.

Als zweiter Redner sprach Pater Sonnenschein von der Kreuzlandschule in Reersen. Er hob mehr die bevölkerungspolitische Bedeutung der Kolonialbestrebungen hervor. Der Redner schilderte seine Eindrücke, die er beim besuch des katholischen Arbeitslagers in Friedenweiler gemacht habe, wo man junge Leute zu einer späteren Siedlungstätigkeit in Brasilien vorschule. Diese Arbeitsdienstgedanken seien nicht so neuartig wie man heute tue. In der katholischen Jugendbewegung und Seelsorge habe man schon vor Jahren diese Wege beschritten, und vor allem in dem Rafaelverein den kolonialen Gedanken gepflegt und in der Kreuzlandschule erfolgreiche Versuche unternommen, die Sehnsucht der jungen Menschen, die zurück nach dem Lande und der eigenen Scholle streben, in bevölkerungspolitisch zweckdienliche Bahnen zu lenken. Denn es sei auch eine Aufgabe des Seelsorgers, Lebensraum zu weisen. Diesen haben wir aber auch noch in Deutschland, im Westen, Osten und Südosten. Dort habe man nun aus der Kreuzlandschule junge Menschen angesetzt, sie unter gleichen Bedingungen, wie sie Siedler in den Kolonien antreffen, arbeiten und den Befähigungsnachweis erbringen lassen. Die schwerste Aufgabe sei immer gewesen, eine vollständige innere Umstellung der jungen Leute zu erreichen. Sie waren gewohnt, immer in erster Linie von der Allgemeinheit und dem Staate zu fordern, und dann erst selbst etwas zu leisten. Heute gelte es, jeden einzelnen auf sich selbst zu stellen, und nur so bewährte Kräfte kämen, nach dieser Vorschule im Inlande, für eine Siedlertätigkeit im Auslande in Frage. Wer diese Schule, die etwa zwei Jahre zu dauern habe, nicht durchmache und bestehe, der sei für die Kolonien unbrauchbar. Arbeitsdienst und Innensiedlung seien nur Vorstufe und Prüfstelle für spätere Siedlertätigkeit, und die Frage der Raumnot könne so nicht endgültig gelöst werden. Das lässt sich nur durch den Wiedererwerb von Kolonien erreichen, und zwar von Kolonien, die mit dem Mutterlande so verbunden sind, daß sich dort die deutschen Kolonisten, wie im Vaterlande fühlen. Der Unterschied zwischen Heimat- und Auslandsdeutschen müsse dann verschwinden, denn wir geben dann, wenn wir wieder Kolonien haben, nach dort einen wertvollen teil unserer Bevölkerung ab, nämlich diejenigen, welche sich in der Inlandsiedlung bewährt haben, und dazu viele zweite und dritte Bauernsöhne, die sonst am eigenen Herd verrosteten. Nachdem der Redner noch auf die bevölkerungspolitische Bedeutung einer gesunden Geburtenzunahme und die Gefahr künstlicher Beschränkungen hingewiesen hatte, schloß er seine eindrucksvolle rede mit der Mahnung an die Badener, Boten des kolonialen Gedankens zu sein und auch hier unsere kulturelle Mission zu erfüllen, wie sie das Land Baden schon oft in der Geschichte erfüllt habe.

Das Publikum dankte Pater Sonnenschein für seine eindringlichen Ausführungen und Ermahnungen mit starkem Beifall. Nach einem kurzen, herzlichen Dankeswort des Leiters des Abends wurde die eindrucksvolle Kundgebung, die der Männergesangsverein Concordia durch zwei Gesänge verschönte, geschlossen. -t.“

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