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Deutsch-britische Rivalitäten in China; erste Mobilmachung in Deutschland seit 1870; über den Kommandant der Iltis Wilhelm Lans, weitere Gerüchte über die Lage in Peking

Freiburger Zeitung, No. 142, Freitag 22.06.1900, Tagesausgabe, Seite 1

Zu den Wirren in China
liegen inzwischen viele Aeußerungen der Presse vor, von denen wir die der Deutschen Tageszeitung unseren früheren Ausblicken folgen lassen: Wenn wir bisher auch nur drei Todte zu beklagen haben, so dürfen wir Deutsche die Leute unsers Volkes so hoch bewerthen, daß gegen die drei gefallenen Blaujacken die englischen Earls und sonstigen vielen Offiziere, die in dem grausamen, blutgierigen, ungerechten Kriege gegen unsere niederdeutschen Stammesbrüder in Afrika auf der Wahlstatt geblieben sind, für unser Empfinden federleicht in die Wagschale fallen, und unser Empfinden, die Gefühle des deutschen Volkes sind für uns allein maßgebend. Es steht zu befürchten, daß dieses theure Blut unserer Volksgenossen nicht das einzige sein wird, welches im fernen Asien als Dünger für eine bessere Zukunft vergossen werden wird, aber wir wollen darüber nicht klagen, daß uns Opfer abgefordert werden, wir wollen stolz sein auf unsere Marine und uns der sicheren Hoffnung hingeben, daß aus dem vergossenen und noch zu vergießenden Blute eine Saat sprießen wird, welche die Menschheit ebenso wie unser Volk uns danken wird. Das menschliche Leben hat nur dann einen Werth, wenn es für die ideale Sache todesmuthig in die Schanze geschlagen wird. Unsere heidnischen Ahnen versprachen dem auf dem Felde der Ehre Gefallenen den schönsten Lohn, Walhall, und die deutsche Auffassung des Christenthums ist so unzertrennlich von der Vaterlandsliebe, von dem Gefühl engster Verbundenheit aller Volksgenossen, daß auch unsere moderne religiöse Ueberzeugung die Opfer des Kampfes für die Allgemeinheit als von der Vorsehung besonders bevorzugte Glieder der Nation betrachtet. Diese unerschütterliche Ueberzeugung macht das Sterben leicht und widmet den letzten Hauch der entfliehenden Seele dem theuren Vaterlande. So dürfen wir denn mit größter Zuversicht und in felsenfestem Vertrauen der weiteren Entwicklung der Dinge in China entgegensehen. Die aus China eingetroffenen Nachrichten zeigen, daß es sich nicht mehr um die Unterwerfung des Boxeraufstandes, sondern lediglich um die Beseitigung der chinesischen Herrschaft handelt. Daß dieser Kampf nur mit einer Unterwerfung Chinas durch die Mächte endigen kann, darüber herrscht wohl nirgends ein Zweifel, wir sagen durch die Mächte und meinen damit Rußland, Frankreich, Deutschland und Japan, also diejenigen Staaten, welche allein berechtigte Interessen in China zu vertrehen haben. England hat sein Anrecht auf die Erschließung Chinas verwirkt. Eine Macht, welche sich nicht scheut, eine harmlose, gottesfürchtige, stammverwandte Bevölkerung, also ein vielversprechendes Kulturelement zu bekriegen, hat keinen Anspruch mehr darauf, als Kulturmacht im europäischen Areopag anerkannt zu werden. England hat China gegenüber diesen Anspruch noch besonders dadurch verwirkt, daß es ihm mit Waffengewalt das entnervende Gift des Opiums aufgedrängt hat, nur aus dem Grunde, um seine Ausbeutung Indiens ergiebiger zu machen. Es ist jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen für die Sünden Englands gegen die Menschheit. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher, und wir hoffen, daß wir in dem jetzigen Kriege gegen China das göttliche Walten erkennen dürfen, das einer Macht Schranken, unübersteigliche Schranken entgegenstellt, welche nichts anderes anerkennt als den Gelderwerb und tief unter dem römischen Kaiser steht, der das durch eine unappetitliche, aber Niemanden schädigende Industrie erworbene Geld mit lächelndem Munde und der Bemerkung: non oiet dem Staate dienstbar machte. Das Geld, welches England erworben hat, trägt den Fluch von Millionenen Menschen, und die europäischen Kulturvölker haben vor Gott und sich selbst die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß in Zukunft eine derartige Mißhandlung friedlicher Völker durch England unmöglich gemacht wird. Darin besteht in kurzen Worten das Programm der Zukunft Chinas. Neidlos werden wir Deutschen dem russischen Nachbarreiche die Vormacht in China lassen. Die russische Bevölkerung drückt die ihr unterworfenen Völker nicht, Grausamkeit ist ihr fremd. Die Franzosen sind ein hochentwickeltes Kulturvolk, dessen Wirken in China nur segensreich sein kann. Unsere Mitwirkung bei der Pacificirung Chinas giebt uns den Anspruch auf Berücksichtigung unserer Interessen. Wir sind überzeugt, daß weder Rußland noch Frankreich etwas dagegen haben werden, wenn wir unsern Stützpunkt in Ostasien, der immer nur handelspolitischer Art sein kann, erweitern und sichern. Auch Japan ist schon geographisch berechtigt, für seine Mitwirkung an der Friedensarbeit Entschädigungen zu fordern. Das gemeinsam vergossene Blut ist ein Strick, welcher hält und Zwistigkeiten für die Zukunft ausschließt. Die einzige Macht, welche Unfrieden säen kann und sicherlich auch will, ist England. Das ist aber in Folge des Krieges in Afrika ohnmächtig, und wir halten es für ausgeschlossen, daß derartige Bemühungen Englands erfolgreich sein können, wenn wir die von uns empfohlene Politik des Anschlusses an den Zweibund treiben.



Mobilmachung in Deutschland.
Telegramm.
Auf Befehl des Kaisers werden beide Seebataillone durch Freiwillige aus der Armee auf Kriegsstärke gebracht und für den Transport nach China vorbereitet. Außerdem soll ein Personal für 6 bespannte Geschütze von Kiautschou gestellt und eine vollständige Batterie mit Personal aus den Beständen der Armee abgegeben werden.
Nachdem in China ein Angriff auf das „Bundesgebiet“ – letzteres in erweitertem Sinne aufgefaßt – erfolgt ist, hat der Kaiser als oberster Kriegsherr die dem Umfang der Kriegsgefahr entsprechende Mobilmachung der Marineinfanterie angeordnet. Es ist ein eigenes Zusammentreffen, daß die Theilmobilmachung vom 19. Juni 1900 mit dem Unterschied eines Monats zeitlich fast zusammentrifft mit der letzten großen Mobilmachung vom 15. Juli 1870. Seitdem, genauer gesagt, seit dem Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871, ist im Deutschen Reiche keine Mobilmachung mehr erfolgt, denn die kleinen Theilentsendungen in die Schutzgebiete, die mitunter nöthig waren, zählen nicht mit. Es ist jetzt, wie die Straßb. Post hervorhebt, tahtsächlich das erste Mal, daß ein deutscher Kaiser im neuen Reich eine Mobilmachung empfohlen hat. Von einer Verwirrung in einem durch plötzliche Mobilmachung betroffene Truppentheile kann in Deutschland nicht im entferntesten die Rede sein. Spitzt sich doch die ganze kostspielige, verwickelte, in aufreibender Arbeit im Stande gehaltene und geförderte Organisation der deutschen Streitkräfte auf diesen einen Augenblick und die sich aus ihm ergebenden taktischen und strategischen Folgen zu, auf den Augenblick, da aus dem kaiserlichen Hauptquartier, Hoflager oder wie man das nennen will, der telegraphische Befehl im Geschäftszimmer des betroffenen Truppentheils eintrifft: Mobil! Erster Mobilmachunstag am 19. Juni! Von diesem Zeitpunkte, dem „ersten Mobilmachungstage“ an, steht ein großer Organismus vollständig still, nämlich der Dienstbetrieb in Friedenszeiten, und ein neuer bekommt mit einem Schlage Leben, der Dientsbetrieb in Kriegszeiten. Die mit verstärkten Kräften arbeitenden Geschäftszimmer entsenden telegraphische Gestellungsbefehle an die Offiziere, Aerzte und Mannschaften des Beurlaubtenstandes und der Reserve, die zu den betreffenden Truppentheilen gehören. Auch im Breisgau trafen gestern mehrere solcher Befehle ein. Bald wird die Nachricht eintreffen, daß die großen Dampfer Frankfurt und Wittekind mit der Marineinfanterie an Bord die Reise nach China angetreten haben. Die Schiffe des Norddeutschen Lloyd und der Hamburger Dampfergesellschaft sind für den Kriegsfall jederzeit bereit und in ihrem Bau auch so eingerichtet, daß sie sofort zu Kriegszwecken umgewandelt werden können.

Der Kommandeur der Kanonenbootes Iltis, Korvettenkapitän Wilhelm Lans, der bei der Einnahme der Forts am Taku angeblich verwundet worden ist, war schon seit der Einstellung des Iltis in den Dienst Befehlshaber des Schiffs, das er, nachdem unter seiner Leitung die Probefahrten im Herbst 1898 abgehalten worden waren, im Winter 1898/99 auf die ostasiatische Station gebracht hat. Kapt. Lans ist etwa 40 Jahre alt. Es gehört der kaiserlichen Marine seit dem 23. April 1878 an. Am 17. Dezember 1881 wurde er Unterleutnant und stand dann bei der 1. Matrosendivision, hatte auch zeitweise Bordkommandos, so 1884 auf der Nymphe. Nachdem er am 19. März 1885 Lt. z. S. geworden war, erhielt er 1886 die Kommandantenstelle des Torpedoboots S12 und war dann einige Zeit erst zur Torpedoversuchskommission, demnächst zur Inspektion des Torpedowesens kommandirt. Am 11. April 1892 rückte er zum Kapt.-Leutn. auf und besuchte die Marineakademie, nach deren Absolvirung er 1894 als zweiter Offizier auf das Linienschiff [?] Kurfürst Friedrich Wilhelm kam. 1895 wurde er zum Oberkommando der Marine kommandirt und blieb hier, bis er im Herbst 1898 Kommandant des Iltis wurde.

Die Engländer in Peking!
Ueber das Schicksal der Europäer in Peking gehen die auch chinesischen Kreisen stammenden Angaben auseinander. Nach den Angaben der einen habe in Peking ein wilder Ausbruch stattgefunden, der allen Europäern das Leben gekostet habe. Andere behaupten, die britische Flagge wehe über dem Südthor Pekings. In chinesischen Kreisen läuft hartnäckig das Gerücht um, der Kaiser von China sei todt. Die Nachricht über einen nach dem Angriff auf die Forts erfolgten Aufruhr in Peking, bei dem alle Europäer nach verzweifelter Gegenwehr, unter großen Verlusten der Chinesen, erst bei ganz erschöpfter Munition ums Leben gekommen wären, stammt nach der Daily Expreß aus Tschifu.
Shanghai, 20. Juni. Die Times meldet: Ein durch Kurire überbrachtes Telegramm des Eisenbahndirektors Sheng bestätigt die Nachricht, daß Admiral Seymour mit den vereinigten Truppen am 17. d. M. in Peking eingetroffen ist. Es fehlen noch Einzelheiten über etwaige Verluste oder den Stand der Dinge in Peking. Bezüglich dieser herrscht große Sorge.
London, 20. Juni. Die britische Flagge wehte gestern auf dem Südthore von Peking.

Kleinere Nachrichten.
Wien,
20. Juni. Die Neue Freie Presse erfährt, daß die russische Regierung in dem Rundschreiben, in dem sie die Entsendung von 4000 Mann nach China mittheilt, des ferneren auch auf ein Festhalten der Vereinbarungen der internationalen Mächte hinweist, sodaß somit jedes Sonderinteresse Rußlands ausgeschlossen ist.


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Freiburger Zeitung, No. 142, Freitag 22.06.1900, Tagesausgabe, Seite 2

Paris, 20. Juni. Die Agentur Havas meldet: Spätestens am 3. Juli sind 2000 Franzosen in Taku vorhanden. Am 29. d. M. gehen ferner 2200 ab. Eine Kreuzerdivission geht spätestens am 29. d. M. ab. Alsdann sind 7 französische Kreuzer, 1 Aviso und 1 Kanonenboot an der Küste von China.
London, 19. Juni. Die gegenwärtig in Portland liegenden englischen Kriegsschiffe Diadem und Furiosus erhielten Befehl, nach China zu gehen.


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