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(Post-)Koloniale Denkmalgeschichte

Siehe zum Thema auch auf freiburg-postkolonial.de:

Werner Hillebrecht (1999): Kolonialadler fliegt nach Namibia zum Text

Joachim Zeller: Das Reiterdenkmal in Windhoek (Namibia) - Die Geschichte eines deutschen Kolonialdenkmals (2007) Zum Text

Jürgen Gückel : Spätes Bekenntnis eines Denkmalstürmers. Wie Rainer Fach vor 30 Jahren den Kolonialkriegsadler vom Sockel stürzte und zersägte (Göttinger Tageblatt, 31.10.2008) Mehr (pdf)

Andauernde Auseinandersetzungen um das Kolonialkriegdenkmal in Göttingen - Eine Chronik

von Joachim Zeller (29.01.2007, zuletzt aktualisiert: 01.11.2008)

Erneut ist das sog. "Südwestafrika-Denkmal" in Göttingen in die Schlagzeilen der lokalen Presse geraten. Anfang des Jahres 2006 wollte das „Göttinger Antikolonialbündnis“ das Monument in ein antikoloniales Mahnmal für die Opfer des deutschen Kolonialismus umwidmen. Die dazu von dem Bündnis vor dem Denkmal aufgestellte Inschriftentafel wurde aber nach wenigen Tagen von der Stadtverwaltung entfernt (siehe Linkspartei Göttingen). Ende Januar 2007 zerschlugen Unbekannte die im Sockel des Denkmals eingelassene Gedenkplatte. „Schluss mit der Ehrung für Kolonialisten und Massenmörder!“, heißt es in einer Bekenner-Email, die daraufhin beim „Göttinger Tageblatt“ einging. Mit der Zerstörungsaktion solle der „Grundstein (…) für ein antikoloniales Mahnmal“ gelegt werden. Um das Denkmal gab es schon wiederholt Debatten, nachdem bereits 1978 der bronzene Adler gestohlen worden war, der den Sockel des Kolonialkriegerdenkmals krönte. Weitere Versuche, das Südwestafrika-Denkmal an der Geismarlandstraße in ein antikoloniales Mahnmal umzuwidmen sind in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert. Nach allen diesen Aktionen errichtet im April 2007 die Stadt Göttingen ihrerseits eine Informationstafel, deren Text die Geschichte des Denkmals kritisch kommentiert.

Formen des Umgangs

Die anhaltenden Auseinandersetzungen um das Göttinger Kolonialdenkmal zeigen einmal mehr, wie der öffentliche Raum gesucht wird, um die breite Öffentlichkeit mit der „Gegenwart der kolonialen Vergangenheit“ zu konfrontieren. In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche solcher Denkmalinitiativen gegeben, die sich als Instrumente (provokativer) Gegenöffentlichkeit verstehen. Es soll an die im Bewusstsein der Gesellschaft marginalisierte Übersee-Expansion Deutschlands erinnert werden, ebenso wie eine Dekolonisierung des öffentlichen Raumes beabsichtigt ist (siehe dazu: http://afrika-hamburg.de/denkmal5.html). Das Denkmal als ein gesellschaftlich legitimiertes Instrumentarium wird genutzt, um der oft beklagten kolonialhistorischen Amnesie der breiten Öffentlichkeit entgegenzutreten. Kritisch anzumerken wäre jedoch, dass im Kontext der Denkmaldebatten die koloniale Vergangenheit Deutschlands meist simplifizierend interpretiert wird. Die Argumentation bleibt dabei den Extremen der (Selbst-)Anklage oder der Apologie verhaftet.

In Göttingen lassen sich zwei widerstrebende Formen des Umgangs mit solchen Denkmälern beobachten: Wollen die einen das Monument bewusst als steinernes Zeugnis der Vergangenheit erhalten, wollen die anderen ihrer Kolonialismuskritik durch den Tabubruch der Denkmalzerstörung Ausdruck verleihen. Doch will man die Schuld früherer, im deutschen Namen begangener Kolonialverbrechen bezeugen, sollte man vormalige Heldenmale besser durch ergänzende Texttafeln kritisch kommentieren und zu ‚antikolonialistischen Mahnmalen‘ umwidmen. In dieser Weise verfuhr man mit den Kolonialdenkmälern in Hannover (1988), Bremen (1990), Düsseldorf (2004), Braunschweig (2005) oder Wilhelmshaven (2005). Unerwähnt bleiben darf in diesem Kontext nicht, dass diese Initiativen nahezu ausschließlich „von unten“ kamen, also von lokalen Gruppen initiiert und getragen wurden, spielt doch der Kolonialismus in der offiziellen staatlichen Erinnerungspolitik Deutschlands keine oder allenfalls eine marginale Rolle.

Spekulieren lässt sich darüber, welche gesellschaftspolitische Wirkung solcherart Gedenkinitiativen haben. Taugt das Medium Denkmal zur öffentlichen Bewusstseinsbildung in unserer heutigen Mediengesellschaft? Können symbolträchtige Erinnerungsakte im öffentlichen Raum zur Dekolonisierung des Bewusstseins beitragen? Eine Antwort fällt nicht leicht, auch weil sich dies empirisch kaum exakt bestimmen lässt. Nicht von der Hand zu weisen ist wohl, dass heutzutage die Öffentlichkeit mit Film, Internet, Printmedien oder Ausstellungen ungleich besser zu erreichen ist.

Wie auch immer, die postkoloniale Gedenkkultur, wie wir sie in Göttingen und anderen deutschen Städten antreffen, kann nur im Kontext der globalisierten Erinnerungskultur verstanden werden. Neben dem Holocaust, der nach 1945 zentral für die Erinnerungskultur nicht nur in Deutschland wurde, finden nun langsam auch andere Verbrechen Eingang in das kosmopolitische Gedächtnis der Menschheit. Dazu gehört neben dem Gulag und der Apartheid auch der neuzeitliche Kolonialismus. Die weltweiten Forderungen nach Reparationen für Sklaverei und Kolonialismus, von denen mittlerweile auch Deutschland betroffen ist - hinzuweisen ist hier auf die Reparationsklage der Herero in Namibia -, machen dies deutlich.

Die nachstehende Chronologie gibt Auskunft über das Auf und Ab des Denkmals.

Kolonialdenkmal Göttingen mit Tafel

Foto: Das Denkmal 2006 mit ergänzender Inschriftentafel.

 

Chronik des „Südwestafrika-Denkmals“ in Göttingen

1910: Errichtung des Denkmals (Sockel mit Inschrift) durch das 2. Kurhessische Infanterie Regiment Nr. 82. Die Inschrift lautet: "Für Kaiser und Reich starben in Südwestafrika 1904-1906 (...)" Der bronzene Adler wird 1913 hinzugefügt.

Kolonialdenkmal Göttingen

1935: In einem Ende Dezember im Göttinger Tageblatt erschienen Artikel mit dem Titel "25 Jahre Südwestafrika-Denkmal. Deutschland braucht Kolonien" heißt es: "Er (der Adler) hält mit ausgebreiteten Schwingen Wacht über unserm einzigartigen Afrikaner-Denkmal und wartet auf den Tag, an dem das 'Volk ohne Raum' wieder Siedlungsland und Rohstoffland bekommen wird."

Kolonialdenkmal Göttingen

1978: Unbekannte demontieren Adler und Widmungstafel. Anonyme Anrufer teilen daraufhin dem Göttinger Tageblatt mit, dass sich das "kolonial-faschistische Denkmal", dieses "Symbol finstersten Kolonialismus und Ausbeutertums in Gefangenschaft der Sachverwalter der Unterdrückten und Entrechteten befinde". Indirekt bekennen sich Mitglieder vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) zu dem Denkmalsturz. Es gibt verschiedene Gerüchte über den Verbleib des Adlers. Tatsächlich wird die entwendete Adlerfigur in einzelne Teile zersägt, um diese einschmelzen und die Bronze für den Guss von "Befreiungsmedaillen" verwenden zu können. Wegen technischer Schwierigkeiten kann dieser Plan jedoch nicht durchgeführt werden, weshalb die meisten Bronzeteile des Adlers zusammen mit der steinernen Inschriftentafel vergraben werden. Das Kopffragment wird 1978 auf der 1. Mai-Veranstaltung der Ortsgruppe Göttingen des KBW versteigert. Den Erlös erhält die Befreiungsbewegung Zimbabwe African National Union (ZANU). Der Adlerkopf gelangt danach in Privatbesitz. Die Debatten im Rat der Stadt Göttingen über den weiteren Umgang mit dem leeren Denkmalsockel führen zu dem Ergebnis, diesen ohne Adler, aber mit einer modifizierten Gedenktafel stehen zu lassen. Folgende Texttafel wird der erneuerten ursprünglichen Inschriftentafel hinzugefügt: "Der Bronzeadler und die Gedenkplatte sind am 7.4.1978 von Unbekannten gestohlen worden."

1990: Anlässlich der bevorstehenden Unabhängigkeit Namibias fordert die Ratsfraktion der Grün-Alternativen Liste im Göttinger Stadtparlament die Errichtung einer Informationstafel, die "über die Hintergründe des deutschen Kolonialkrieges in Südwestafrika, in dem Zehntausende Hereros und Nama getötet wurden", unterrichtet. Außerdem soll eine Gedenktafel am Denkmalsockel für die Opfer des deutschen Kolonialismus in Namibia aufgehängt werden. Der Antrag wird im Kulturausschuss abgelehnt.

Kopf Kolonialadler

1999: Der übrig gebliebene Kopf des Adlers gelangt - im Auftrag seines letzten Besitzers - nach Windhoek/Namibia und wird dort am 28. Juli an die Student-History-Society übergeben.

Kolonialadler Windhoek

2004: Zum hundertsten Jahrestag des Deutsch-Herero-Krieges am 12. Januar führt die „Gesellschaft für bedrohte Völker e.V.“ (GfbV) eine Gedenkaktion am Göttinger Kolonialdenkmal durch. Solche Gedenkaktionen der GfbV finden auch an den Kolonialdenkmälern in Berlin, Hamburg, Bremen, Münster und Düsseldorf statt. Auf Spruchbändern heißt es: „Völkermord verjährt nicht! Vor 100 Jahren: Genozid der Deutschen Schutztruppe in Namibia“.

GfbV Foto: GfbV

2004/2005: Der Adlerkopf ist in der Ausstellung „Namibia-Deutschland: Eine geteilte Geschichte“ zu sehen (Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde in Köln, 7.3.- 3.10.2004 und Deutsches Historisches Museum Berlin, 24.11.2004- 10.4.2005).

2006: Mitte Januar beabsichtigt das „Göttinger Antikolonialbündnis“ das Südwestafrika-Denkmal in ein antikoloniales Mahnmal für die Opfer des deutschen Kolonialismus umzuwidmen Dazu wird eine Inschriftentafel vor dem Monument errichtet, auf der es u.a. heißt: Wir Göttingerinnen und Göttinger gedenken der Menschen, die von den deutschen Kolonialtruppen ermordet wurden. Wir fordern die Bundesrepublik Deutschland auf, endlich ihre Verantwortung anzuerkennen und Entschädigung an die Nachkommen der Opfer zu zahlen. Die Tafel wird nach wenigen Tagen von der Stadtverwaltung entfernt.

2007: Ende Januar zerschlagen Unbekannte die marmorne Gedenkplatte, die im Sockel des Denkmals eingelassen ist. „Schluss mit der Ehrung für Kolonialisten und Massenmörder!“, heißt es in einer Bekenner-Email, die daraufhin beim „Göttinger Tageblatt“ eingeht. Schließlich lässt im April 2007 die Stadt Göttingen eine mit kritischen Informationen zum Kolonialdenkmal versehene Zusatztafel aufstellen.

Südwestafrika Denkmal

Foto: Nils Oschinski

2008: Am 31.10. outete sich im "Göttinger Tageblatt" einer der "Denkmalstürmer", der 1978 beim Sturz des
Kolonialdenkmals und der anschließenden Zerlegung der metallenen Adlerfigur beteiligt war. Der Artikel berichtet davon, dass die seinerzeit an verschiedenen Stellen im Reinhardswald westlich der Fulda vergrabenen Bestandteile des Denkmalensembles nicht wieder aufgefunden werden konnten. Ein gleichlautender Artikel war bereits im "Stadtmagazin" der Stadt Göttingen (Ausgabe 37, 15.7.-15.9.2008) erschienen.


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