logo

Rezensionen auf freiburg-postkolonial.de

Logo2

Veröffentlicht auf freiburg-postkolonial.de am 13.12.2011

 

 

 

Rezension von:

Philipp Blom / Wolfgang Kos (Hg.):

Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien

Angelo Soliman – Mythos und Wirklichkeit

Mit Afro-Frisur und geballter Faust erscheint „Angelo X“ vor dem Portikus des österreichischen Parlaments. Das „X“ und die Demonstranten verweisen auf Malcom X und die us-amerikanische Black Power Bewegung. Derart verfremdet zeigt die Collage des Künstlers Robert Sturm das berühmte, aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammende Porträt von Angelo Soliman. Sturm hat das Bild nach Diskussionen mit jungen schwarzen Österreichern gestaltet. Die Frage lautete, wie das Image eines zeitgemäßen Soliman aussehen könnte, um ein „neues Selbstbewusstsein der Black Community zu entwickeln“. Die medienkünstlerische Überschreibung brachte die Pyramiden und die exotisierende Mohrenuniform mit Turban zum Verschwinden. Zum Vorschein kommt dagegen ein selbstbewusster Afro-Österreicher, ein sich selbst ermächtigendes Subjekt.

soliman 1

Porträt von Angelo Soliman (um 1721-1796), Stich von Johann Gottfried Haid nach Johann Nepomuk Steiner (um 1760/65).

soliman 2

 

Robert Sturm: Angelo X, 2006/2011, Mediarart auf Leinenprint, Wien Museum. (Bilder aus dem bespr. Buch)

Zu sehen ist die Arbeit in der Sonderausstellung „Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien“, die noch bis Ende Januar 2012 im Museum am Karlsplatz in Wien läuft. Die Ausstellung und das zu diesem Anlass erschienene Katalogbuch widmen sich der Geschichte von Angelo Soliman (1721–1796), dem bis heute wohl berühmtesten schwarzen Österreicher.

Geboren unter dem Namen Mmadi Make, stammte er wahrscheinlich aus der Sahelzone bzw. dem Emirat Kanem-Bornu im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Niger, Tschad und Nigeria. Als Sklave verschleppt, kam Make ins habsburgische Italien, wo er seine afrikanisch-islamische Identität zugunsten einer europäisch-katholischen austauschen musste und seinen neuen Namen erhielt. 20 Jahre lang lebte er als Leibdiener, Soldat und Vertrauter bei dem Militärgouverneur von Messina, Fürst Georg Christian Lobkowitz. Er ist ca. 34 Jahre alt, als er 1754 das erste Mal in den Rechnungsbüchern des Fürsten Joseph Wenzel I. von Liechtenstein auftaucht. Bei ihm - und dessen Sohn und Nachfolger Franz Joseph II. - ist Soliman mit Unterbrechungen bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1783 als „hochfürstlicher Mohr“ tätig. Die Familie Liechtenstein war nach den Habsburgern die reichste Adelsfamilie im Staat. Der hoch gebildete und (erst heimlich) mit einer weißen Wienerin verheiratete Soliman führte nach seinem Ruhestand ein Leben als respektierter Privatmann und soll bei Hofe ein und aus gegangen sein. Er ist aktiver Freimaurer und kein geringerer als Mozart gehört zu seinen Logenbrüdern. Berühmtheit über die Grenzen Wiens hinaus erlangt Angelo Soliman erst nach seinem Tod, landet er doch - gegen den Willen seiner Tochter Josephine - als ausgestopfter „Wilder“ im kaiserlichen Naturalienkabinett. 1806 wird das Präparat aus der Schausammlung entfernt und verbrennt schließlich während der Wirren der 1848er Revolution im Dachstuhl der Hofburg.

Die Autoren des Buches diskutieren die Frage, ob man von einem geglückten Migrantenleben sprechen kann. Dies gehe allerdings nur dann, wenn Sklaverei, Exotismus und vormoderner Rassismus mitgedacht werden. Jedenfalls lässt sich sein Schicksal auch ganz anders lesen: Ein Mensch, verschleppt und missbraucht, degradiert zum exotischen Prestigeobjekt prunksüchtiger Feudalherren. Vieles im Leben von Soliman bleibt aufgrund der schwierigen Quellenlage im Dunklen. So kann bis heute nicht abschließend geklärt werden, wer die Leichenschändung beschloss. War es der Museumsdirektor, Kaiser Franz II. oder gar er selbst? Was Letzteres betrifft, wird auf die These der Historikerin Monika Firla verwiesen, dieser habe seine Haut zu Lebzeiten selbst gespendet. Damit hätte sich Soliman vom Opfer zum Akteur seiner Ausstopfung gemacht. Am Skandal seiner Zuschaustellung ändert dies freilich nichts. Das schändliche Schicksal, als Stopfpräparat ausgestellt zu werden - ein heute kaum noch nachzuvollziehender Akt weißer Barbarei -, teilte Soliman übrigens mit anderen Schwarzen, so mit Sarah Baartman (damals bekannt als „Hottentotten-Venus“), mit „El Negro“ oder der tasmanischen Aborigine Truganini.

In einem Europa, dessen Kulturlandschaft immer stärker von Migration und postkolonialen Debatten geprägt wird, kommt der Biographie von Angelo Soliman eine geradezu emblematische Bedeutung zu. In seinem Lebenslauf manifestiert sich der Wandel vom exotischen Objekt hin zum bürgerlichen Subjekt; sein Werdegang erzählt von Anpassung und Emanzipation, vom Umgang Schwarzer mit ihrer Rollenmaske in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

Das opulent ausgestattete Katalogbuch macht sich auf die Spurensuche nach Angelo Soliman als Person und Mythos im kulturhistorischen Kontext seiner Epoche. Die 12 Beiträge verschiedener Autoren beschäftigen sich zudem mit der Sklaverei in der mediterranen Welt und der Geschichte von Afrikanern an den Höfen Europas. Eine hervorragend bebilderte Dokumentation der Ausstellung sowie den Afrika-Klichees in der Wiener Alltagskultur seit 1800 bis heute runden den Band ab. Natürlich fehlt nicht die Figur des „Meinl Mohren“, jenes bis heute verwendete und allseits präsente Logo einer bekannten österreichischen Kaffeemarke. Die Collage mit dem selbstbewussten Afro-Österreicher des Künstlers Sturm ist das genaue Gegenbild zu diesem „Kaffeemohr“ mit türkischem Fez.

Joachim Zeller

Philipp Blom / Wolfgang Kos (Hg.): Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2011, 256 Seiten, ISBN 978-3-85033-610-9

Zum Seitenanfang | weitere Rezensionen auf freiburg-postkolonial Weiter