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Freiburger Persönlichkeiten:

Dr. Lorenz Werthmann und seine kolonialen Schattenseiten

von Heiko Wegmann (2006, zuletzt aktualisiert 10/2008)

 

 

Nach dem Geistlichen Rat und Geheimkämmerer Lorenz Werthmann (1858-1921) ist in Freiburg die Werthmannstraße ebenso wie die Caritas-Zentrale benannt. Er war Begründer und Präsident des "Charitasverbandes für das katholische Deutschland" (mehr zur Person s.u.). In dieser Funktion war er auch Mitglied des großen "Deutschen Kolonialkongresses 1910" im Berliner Reichstag. Der Caritasverband gehörte 1910 wie auch beim folgenden Kolonialkongress 1924 zu den Veranstaltern.
Werthmannplatz
Bis zum Jahre 2007 gab es den Werthmannplatz vor der Uni-Bibliothek, der dann anlässlich des 550. Jubiläums der Uni in "Platz der Universität" umbenannt wurde. Gleichzeitig wurde der angrenzende Werderring in Werthmannstraße umbenannt. Foto: H. Wegmann (2006)
Auf dem Berliner Kolonialkongress von 1910 nahm Werthmann an den Sektionen "Besiedelung deutscher Kolonien/ Auskunftserteilung an Auswanderungslustige" und "Die weltwirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands/ Das Deutschtum in Übersee" mit Wortbeiträgen teil. Bei letzterem verwies er auf die energische Förderung des Deutschtums durch den St. Raphaelsverein seit 40 Jahren.
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Der Raphaelsverein war Teil des Caritas-Verbandes (heute Raphaelswerk). Die Geschäftsführung des Raphaelsvereins ging 1914 an Prälat Dr. Werthmann über und die Hauptgeschäftsstelle wurde von Limburg nach Freiburg verlegt. Zur damaligen explizit kolonialen Ausrichtung des Raphaelsvereins siehe auch den Zeitungsbericht über die Rede Pater Sonnenscheins im Paulussaal 1932).

Werthmann und das "hoffentlich im Siege vergrößerte deutsche Kolonialreich"

Am 15. April 1912 schrieb Werthmann an die Deutsche Kolonialgesellschaft in Berlin, dass er an deren Hauptversammlung in Hamburg teilnehmen wolle und bat um Zusendung von Informationen. Die DKG antwortete am 18. April, dass das Programm eine Woche später versendet würde (Bundesarchiv, R 8023 / 760, Paginierung 416/417). Ob er schließlich teilnahm, ist nicht klar. Welche kolonialen Ziele Werthmann allerdings im Ersten Weltkrieg vertrat, wird aus einer Brandrede ersichtlich, die er am 27. September 1914, also kurz nach Kriegsbeginn, im Paulussaal an der Dreisam hielt:

„Und welcher Finanzieller Opfer unser Volk fähig ist, hat uns die Riesenüberzeichnung der Kriegsanleihe gezeigt. Hier darf ich wohl als Vertreter der katholischen Kirche mit demütigem Stolz darauf hinweisen, dass wie einst im Jahre 1813 (...) so auch jetzt die Kirchenbehörden ihre Gemeinden aufgefordert haben, an der Kriegsanleihe sich kräftig zu beteiligen. Ja, dass sie das Kostbarste, was sie besitzen, die schönsten Früchte ihres religiösen Lebens, dem Vaterlande zur Verfügung gestellt haben: tausende von barmherzigen Schwestern und Brüdern. (...)

Sollte Gott, wie wir alle hoffen, unseren Waffen seinen Beistand und sieghaften Erfolg verleihen, dann harren dem deutschen Volke neue große Friedensaufgaben: (...) Die dritte Aufgabe ist, die abgebrochenen Brücken des Welthandels wieder neu über die Staatsgrenzen und Weltmeere hinüberzuführen; eine vierte, die etwa in Blut und Kampf erworbenen Gebietsteile harmonisch mit dem deutschen Reiche zusammenzuschweißen. Eine fünfte Aufgabe ist das jetzt von den Feinden bedrängte, aber hoffentlich im Siege vergrößerte deutsche Kolonialreich, wieder auf- und auszubauen und mit dem Mutterlande in lebendige, fruchtreiche Wechselbeziehung zu setzen. Eine sechste: den mit den Kolonien neu erworbenen Untertanen die Segnungen des Christentums zu bringen. Eine Siebente: der deutschen Kultur und Wissenschaft unter allen Völkern der Welt die ihr gebührende Ehrenstellung wieder zu erringen.“ Zitiert nach: "Reden gehalten von den Herren Oberbürgermeister a.D. Dr. Winterer, Prälat Dr. Werthmann und Stadtpfarrer Schwarz in der Vaterländischen Versammlung am 27. September 1914 im Paulussaale in Freiburg im Breisgau. Preis 20 Pfennig. Der Reinertrag ist für die Kriegsfürsorge bestimmt.", S. 12f., Stadtarchiv Freiburg, Dwe 3310b.

Werthmann formulierte 1914 also klar, dass Deutschland seinen Kolonialbesitz im Krieg vergrößern solle. Neben dem Übergriff auf die ungefragten Kolonisierten hieß dies auch genau das zu tun, was später an den Siegermächten kritisiert wurde, nämlich den Konkurrenten Kolonien abzujagen.

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Ankündigung aus: Freiburger Zeitung, 27.9.1914; siehe auch den Bericht: "Vaterländische Kundgebung", Freiburger Zeitung, 28.09.1914.

Der nach dem "Verlust" der deutschen Kolonien mit dem Versailler Vertrag 1919 anschwellende Kolonialrevisionismus betonte immer die mangelnde "koloniale Gleichberechtigung Deutschlands" gegenüber den anderen Kolonialmächten. Es wurde den Alliierten insbesondere vorgeworfen, mit der Einbeziehung der afrikanischen Kolonien in den Krieg die Kongo-Akte von 1885 verletzt zu haben. Allerdings gab es auch auf Seiten des deutschen Militärs und der Politik schon zu Kriegsbeginn konkrete Pläne (wenn auch nicht die Mittel), das deutsche Kolonialreich auf Kosten der gegnerischen Mächte zu vergrößern. Bereits am 28. August 1914 legte etwa der Staatssekretär im Reichskolonialamt, Heinrich Solf, ein Expansionsprogramm vor. Angola, Belgisch-Kongo, Französisch-Äquatorial-Afrika, Dahomey und ein Teil Senegambiens sollten in ein deutsches "Mittelafrika" integriert werden.

Unter den anderen Rednern der Vaterländischen Versammlung sprach mit Otto Winterer ein Oberbürgermeister a. D., der 1909 für die Stadt Freiburg die Mitgliedschaft im Kolonialwirtschaftlichen Komitee erworben hatte und der Vater des Kolonialoffiziers Wilhelm Winterer war. Prof. Ernst Fabricius war ein Historiker und zeitweise Prorektor der Freiburger Universität, der sich in Freiburg im Rahmen der Fabricius-Fehrenbach-Kontroverse 1906/07 schon als scharfer Kolonialbefürworter einen Namen gemacht hatte (siehe dazu: Heiko Wegmann: Prof. Ernst Fabricius (1857 - 1942). Berühmter Limes-Forscher, Deutschtumsfunktionär und Kolonialapologet Mehr ).

 

"... ein Recht auf unsere Kolonien namens der Gerechtigkeit und der christlichen Religion"

Anfang 1919 zeichnete sich dann entgegen dieser Hoffnungen das Ende der deutschen Kolonialherrschaft ab, das im Juni 1919 mit der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags definitiv besiegelt werden sollte. Am 13.02.1919 fand - wiederum im evangelischen Paulussal - eine große koloniale Protestversammlung statt, die sich dagegen richtete. Auf der von den Freiburger politischen Parteien - einschließlich der SPD - und der Deutschen Kolonialgesellschaft organisierten Kundgebung trat neben Politikern und dem wenige Monate vorher zum Professor berufenen Rasseforscher Eugen Fischer auch wieder Lorenz Werthmann als Redner auf: "Als Vertreter der christlichen Missionen beleuchtete dann Herr Prälat Dr. Werthmann die engen Beziehungen zwischen Kolonien und Heidenmissionen. Beide seien aufeinander angewiesen. Vor dem Kriege hätten 440 deutsche Missionsstationen bestanden und 270 000 Heiden seien heute Christen. Er würdigte die Kulturarbeit der Missionare und erinnerte an die schmachvollen Leiden durch die grausame Behandlung durch die Feinde während des Krieges. Wir hätten ein Recht auf unsere Kolonien namens der Gerechtigkeit und der christlichen Religion, die die Heidenbelehrung gebiete, dann namens des Kulturfortschritts der Menschheit und der Interessengemeinschaft der weißen Rasse. Gerade die Feinde hätten das Ansehen der Weißen in den Kolonien unverantwortlich geschändet. Den Missionaren dürfe ihr Arbeitsfeld nicht genommen werden." (Freiburger Zeitung, 14.02.1919, S. 1, ganzer Bericht).

Die "Interessengemeinschaft der weißen Rasse" und die "Schändung des Ansehens der Weißen in den Kolonien" waren gängige kolonial-rassistische Argumentationsmuster, die besagten, die kulturell und "rassisch" tiefer stehenden "Eingeborenen" würden ihren Glauben an die Höherwertigkeit der "weißen Rasse" verlieren, wenn sie sähen, wie Weiße gegen Weiße kämpften und dabei sogar Schwarze gegen Weiße eingesetzt würden. Neben dem aus der Rede sprechenden Rassismus wird deutlich, dass Werthmanns Konzept von christlicher Mission ganz klar an die politisch-militärische Beherrschung der zu 'belehrenden Heiden' geknüpft war. Laut Presseberichten wurde vom vollbesetzten Saal einstimmig eine flammende Resolution für den Erhalt des Kolonialreichs beschlossen: "Deutschlands Anspruch auf kolonialen Besitz aber beruht auf der Stärke seiner Bevölkerung, auf der Größe seiner wirtschaftlichen Interessen, auf den unabweisbaren Bedürfnissen von Industrie, Handel und Landwirtschaft. (...) Sie wendet sich an Regierung und Nationalversammlung und bittet sie, tatkräftig einzutreten für unsere kolonialen Interessen eingedenk des Wortes: Diejenige Nation, die am meisten kolonisiert, ist die erste der Zeit, und wenn sie es heute nicht ist, so wird sie es morgen sein." Wie 1914 wurde hiermit sogar angedeutet, es nicht bei den bisherigen Kolonien belassen zu wollen, sondern in Zukunft "am meisten" kolonisieren zu wollen (siehe die Dokumentation der Resolution und den Veranstaltungsbericht aus der Freiburger Zeitung).

Werthmanns VDA-Tätigkeit

Darüber hinaus war Werthmann Mitglied der Männer-Ortsgruppe des "Vereins für das Deutschtum im Ausland" (VDA). Der VDA vertrat eine aggressiv-nationalistische Kulturpolitik, die komplementär zu der auf die formalen Kolonien ("Deutsche Schutzgebiete") ausgerichteten Politik der Kolonialverbände war. So lag der Schwerpunkt des VDA in der Förderung völkischen Denkens bei den deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa. Gerade der Badische Verband unterstützte jedoch auch "Badische Kolonien" in Tovar (Venezuela) und eine deutsche Schule in Ponta Grossa (Südbrasilien).

Offensichtlich gab es in der Freiburger Ortsgruppe des VDA auch massive Affinitäten zu Gobineau, einem der verhängnisvollsten Vordenker und Wegbereiter von Antisemitismus und Rassismus im 19. Jahrhundert, wie aus einem Bericht des amtlichen Freiburger Tagblatts von 1902 hervorgeht. Wie Werthmann persönlich dazu stand, muss noch untersucht werden.

Am 1. Oktober 1915 teilte jedenfalls der Vorsitzende des Vereins für das Deutschtum im Ausland, Universitätsprofessor Geh. Hofrat Dr. Schulze dem Freiburger Oberbürgermeister persönlich mit, dass dieses Jahr der Deutsche Gesamtverein seine Jahresversammlung in München abhalte, an welcher als Vertreter des Freiburger Ortsvereins Geistlicher Rat Monsignore Dr. Werthmann teilnehmen werde. Die Ortsgruppe Freiburg habe die Absicht, den deutschen Verein, der nach einem siegreichen Krieg für die Festigung des Deutschtums im Ausland an Bedeutung ganz wesentlich gewinnen werde, zu einer Tagung in Freiburg in einem der nächsten Jahre einzuladen. Prof. Schulze fragte bei der Stadt an, wie diese sich dazu stellen würde. Der Oberbürgermeister erwiderte sofort, dass er für seine Person sehr gerne die Ermächtigung zu dieser Einladung erteile, und er glaube, dass der Stadtrat zweifellos auch zustimmen werde, den Verein in einem der kommenden Jahre nach dem Krieg in Freiburg begrüssen zu können. Gleich am 6. Oktober 1915 beschloss der Stadtrat dann auch tatsächlich, dass er damit einverstanden sei, wenn "der Verein für das Deutschtum im Ausland zu einer Tagung in einem der kommenden Jahre nach dem Kriege hierher eingeladen wird" (Akte C 3/353/9, Stadtarchiv Freiburg).

Lorenz Werthmann trat auch nach dem Ersten Weltkrieg öffentlich bei einer Veranstaltung des VDA über "Die Zukunft des Deutschtums in der Welt" im Paulussaal auf. Die Freiburger Zeitung zitierte seine mit viel Beifall goutierte Rede: "Durch den Ausgang des Krieges seien unsere Hoffnungen jäh zusammengebrochen. Wir hätten auf der Höhe des Glücks mit einer starken Rückwanderung gerechnet und jetzt müssten wir wegen der gewaltigen Arbeitslosigkeit unter allen Berufsständen auf eine notgedrungene Auswanderung von 5-10 Millionen gefasst sein. Der Stand unserer Valuta und die hohen Produktionskosten schlössen uns vom Weltmarkt aus. Dazu kämen die inneren Unruhen und die Arbeitsunlust. (...) Besonders müsse darauf geachtet werden, daß der Auswanderer die deutsche Kultur, Sprache, Religion und Sitte nicht verliere. Hindernisse der verschiedensten Art gelte es wegzuräumen. Dazu müssten alle Kräfte angespannt werden. Denn wenn auch alles untergehe, das Deutschtum müsse bestehen." (18.03.1919. Artikel).

Heutige Erinnerung

Heutzutage wird Werthmann jedoch allein für seine sozialen Anliegen erinnert. Bei Wikipedia heißt es etwa, als Johann Christian Roos "zum Erzbischof von Freiburg gewählt wurde, folgte er ihm [als Sekretär] und baute von dort aus seit 1895 den Caritasverband auf. Anliegen Werthmanns war es, auf die sozialen Nöte und das Elend seiner Zeit eine adäquate Antwort zu geben. 'Organisieren, Studieren, Publizieren' waren die drei zentralen Aufgaben, die er dem Caritasverband ins Stammbuch schrieb: Die DCV-Zentrale in Freiburg trägt seinen Namen seit 1924."

Und in der Sebstdarstellung der Caritas ist zu lesen: "9. November 1897: der Deutsche Caritasverband wird gegründet. Bekannte katholische Sozialpolitiker, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schaffung eines katholisch-caritativen Zentralverbandes forderten, fanden in dem jungen Priester Lorenz Werthmann die dynamische Persönlichkeit zur Realisierung dieses Zieles. Mit einem im Frühjahr 1895 in Freiburg gebildeten 'Charitas-Comité' bereitete Werthmann die Gründung des 'Charitasverbandes für das katholische Deutschland' vor, die er am 9. November 1897 in Köln vollzog. In oft ungestümem Vorwärtsdrängen begann sich Werthmann mit seinem Verband auf vielen Gebieten sozialer Not zu betätigen: Für Saisonarbeiter, Seeleute, Tippelbrüder, Trinker, Körper- und Geistigbehinderte, Geschlechtskranke engagierte er sich ebenso wie für Kindergärten, Fürsorgeerziehung, Mädchenschutz, Krankenpflege und Frauenfragen."
Im Jahre 1997 wurde anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Caritasverbandes und im Gedenken an seinen Gründer der "Lorenz-Werthmann-Preis" zur Förderung der Sozialen Arbeit in Deutschland und der wissenschaftlichen Befassung mit Aufgaben und Tätigkeiten der freien Wohlfahrtspflege gestiftet.

Für ein differenziertes Bild von Werthmanns Tätigeit und Weltsicht wäre es von Bedeutung, auch genauer zu untersuchen, welchen Stellenwert darin Kolonialgedanke und Deutschtümelei gespielt haben.

Heiko Wegmann

 

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